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22.10.2009: Gleichstellung
Durchbruch bei
der Gleichstellung
Bundesverfassungsgericht trifft Grundsatzentscheidung zu Ehe,
Familie und Lebenspartnerschaft
Das
Bundesverfassungsgericht hat heute seinen Beschluss vom 07.07.2009 -
1 BvR 1164/07 - veröffentlicht. Danach muss die
„Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder“ (VBL) hinterbliebenen
Lebenspartnern dieselbe Hinterbliebenenrente gewähren wie
hinterbliebenen Ehegatten. Dazu erklärt Manfred Bruns, Sprecher
des „Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland“ (LSVD):
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist ein Durchbruch in der
Diskussion um die rechtliche Stellung von Eingetragenen
Lebenspartnerschaften. Zur Begründung der Ungleichbehandlung von
Lebenspartnerschaften, so das Gericht, sei der Verweis auf den
verfassungsrechtlichen Schutz von Ehe und Familie nicht ausreichend.
Der besondere Schutz durch Artikel 6 Abs. 1 GG rechtfertige keine
Diskriminierung. Da es um die Ungleichbehandlung von Personengruppe
gehe, sei eine Ungleichbehandlung nur in engen Grenzen möglich.
Die Gleichbehandlung sei aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes
des Art. 3 Abs. 1 GG geboten. Aus dem Auftrag und der Befugnis, die
Ehe zu fördern, gehe kein Recht zur Benachteiligung einher, da die
Pflichten gleich und die Partnerschaftsformen vergleichbar seien.
Auch die Begründung, die Ehe sei typischerweise zur Kindererziehung
gegründet, weist das Gericht zurück, da nicht jede Ehe auf Kinder
angelegt ist. Gleichzeitig betont das Verfassungsgericht, dass auch
in zahlreichen gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften Kinder
aufwachsen.
Die Erwägungen des Gerichtes gelten in gleicher Weise für alle
anderen Benachteiligungen von Lebenspartnern. Da Lebenspartner in
gleicher Weise füreinander einstehen müssen wie Ehegatten, müssen
sie auch bei allen Rechten gleich behandelt werden.
Der LSVD hat deshalb umgehend die Verhandlungskommission von CDU und
FDP gebeten, im Koalitionsvertrag zu vereinbaren, dass die Koalition
das gesamte Bundesrecht auf der Grundlage des neuen Beschlusses des
Bundesverfassungsgerichts überprüfen und gleichheitswidrige
Benachteiligungen von Lebenspartnern abbauen wird.
Der neue Beschluss des Bundesverfassungsgerichts gilt natürlich auch
für das Recht der Bundesländer sowie die Satzungen der
berufsständischen Versorgungswerke der freien Berufe. Jetzt ist
endlich Schluss mit der Diskriminierung der lesbischen Bürgerinnen
und schwulen Bürger Deutschlands!
Das Urteil ist zu finden unter:
http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20090707_1bvr116407.html |
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Süddeutsche Zeitung
15.09.2006
Natürlich schwul
Viele Menschen halten Homosexualität noch immer für abnormal. Manche glauben
sogar, sie sei eine Krankheit. Dabei ist sich die Wissenschaft inzwischen
einig: Wie wir lieben, entscheiden Gene und Hormone.
Von Bastian Obermayer / Philipp
Schwenke
Günter Baum will, kann, darf nicht schwul sein. Er ist in einer streng
christlichen Gemeinde und tief religiös. Es gibt einen Ausweg, sagen ihm
andere Gläubige. Baum unterzieht sich einem Exorzismus, bei dem der »Dämon
Homosexualität« durch Gebete aus seinem Körper verjagt werden soll. Als er
hustet, jubeln die anderen: »Der Dämon verlässt ihn!« Günter Baum verlobt
sich mit einer Frau: »Gott stellt dir diese Frau zur Seite, damit du geheilt
wirst«, sagt sein Priester. Baum geht sogar für ein Jahr nach Kalifornien,
um sich von der evangelikalen Sekte »Desert Stream« therapieren zu lassen.
Dort vergibt er in endlosen Sitzungen seinem Vater und seiner Mutter, weil
man ihm sagt, sie seien schuld. Irgendwann, nach zehn Jahren Therapie, sagt
Günter Baum: »Ich bin nicht mehr schwul.«
Ein weiterer Erfolg für die sogenannte Ex-Gay-Bewegung, die im Amerika des
evangelikalen George W. Bush eine Menge Einfluss und Geld hat. Und wieder
der scheinbare Beweis, dass Homosexualität heilbar ist, wie Alkoholsucht.
Zurück in Deutschland versucht Günter Baum, andere Schwule auf den rechten
Weg zu führen. »Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir kein Wort glaube.
Und dass ich draufgehe, wenn ich so weitermache«, sagt Baum heute. Als ihn
dann in einer Schöneberger Kneipe Frank anspricht, bricht Günter Baums
Fassade endgültig in sich zusammen. Aus der Galionsfigur der Ex-Gay-Bewegung
wird ein Ex-Ex-Gay. Ein ganz normaler Schwuler.
Homo-Ehe hin, Christopher-Street-Day her: Normal ist, wer hetero ist.
Homosexuelle Handlungen seien »in sich nicht in Ordnung«, sagt die
katholische Kirche und befiehlt Keuschheit. »Schwul« ist immer noch ein
Schimpfwort, »schwul« gilt immer noch als unnatürlich, anders, pervers. Man
weiß ja nicht, wo das herkommt. Wieso die schwul sind. Die Deutschen wählen
zwar schwule Bürgermeister, tragen schwule Mode und hätten mehrheitlich
nichts gegen einen schwulen Kanzler. Aber mehr als ein Drittel der Deutschen
sagt: »Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit
küssen.« Spätestens beim eigenen Kind wäre eine Hetero-Pille ganz recht.
Oder eine Therapie. Besorgte Eltern, die mit ihren schwulen Söhnen zur
Sexualberatung laufen, stellen meist zwei Fragen. »Haben wir etwas falsch
gemacht?«, lautet die eine. »Kann man da was gegen machen?«, die andere.
Beide Fragen haben über viele Jahrzehnte auch die Wissenschaft beschäftigt.
Seit Kurzem ist diese Diskussion beendet, mit eindeutigem Ergebnis. »Niemand
kann zur Homosexualität oder zur Heterosexualität erzogen oder verführt
werden und man kann auch niemanden davon befreien«, sagt Hartmut Bosinski,
Professor für Sexualmedizin an der Universität Kiel. Denn: Die sexuelle
Orientierung hat biologische Ursachen. Inzwischen glaubt man zu wissen, dass
ein kompliziertes Zusammenspiel von Genen und Sexualhormonen die sexuelle
Orientierung in unserem Gehirn verankert. Wahrscheinlich schon im
Mutterleib, wahrscheinlich bei Männern und Frauen etwas unterschiedlich und
in jedem Fall unumkehrbar. Man wird schwul geboren. Oder lesbisch. Oder
hetero.
Den vorläufig letzten Beweis dafür lieferte kürzlich der kanadische
Sozialpsychologe Anthony Bogaert. Er hatte schon vor zehn Jahren entdeckt,
dass bei einem Mann mit jedem älteren Bruder die Wahrscheinlichkeit,
homosexuell zu sein, um fast ein Drittel ansteigt. »Ohne Bruder liegt die
Chance, schwul zu sein, bei etwa drei Prozent, mit drei Brüdern schon bei
mehr als sieben Prozent«, sagt Bogaert. Psychologen erklärten den »fraternal
birth effect« damals mit der Nesthäkchen-Rolle des jüngeren Bruders, also
der sozialen Umgebung.
Das konnte Bogaert nun widerlegen und erregte damit weltweit Aufsehen. Er
wies nach, dass der Effekt nur bei leiblichen Brüdern auftritt. Männer, die
mit älteren Stiefbrüdern oder älteren adoptierten Brüdern aufwuchsen, waren
nicht öfter schwul als Männer ohne Brüder. »Es muss also eine biologische
Erklärung dafür geben«, erklärt Bogaert sein Ergebnis.
Schon länger weiß man, dass die Gene unsere sexuelle Entwicklung
beeinflussen. Der amerikanische Forscher Dean Hamer verkündete 1993 sogar,
auf dem X-Chromosom die Anlage zur Homosexualität gefunden zu haben: das
»schwule« Gen. Aber seither konnte kein anderer Wissenschaftler Hamers Fund
bestätigen, obwohl es unzählige Male versucht wurde. Dafür offenbarten
mehrere groß angelegte Zwillingsstudien die Beteiligung der Gene. Eineiige
Zwillinge, egal ob getrennt oder gemeinsam aufgewachsen, entwickeln erstaunlich oft die gleiche sexuelle
Orientierung. Wenn ein Zwilling schwul ist, liegt die Wahrscheinlichkeit bei
fast 50 Prozent, dass der andere ebenfalls Männer bevorzugt.
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